17.08.2021
ArbeitsweltKarriere
Marion Hodapp

Ansprache mit Feingefühl

Als Sourcer*in hat man es nicht leicht. Egal welchen Ansatz ich nehme, ich kann nicht wissen, ob meine guten Absichten auf der anderen Seite positiv (oder überhaupt?) wahrgenommen werden. Manchmal habe ich einen richtigen „Lauf“, da fließen mir die Wörter geradezu aus den Fingern und ich erfreue mich an meiner eigenen Kreativität. Manchmal starre ich aber minutenlang auf ein Profil und finde nicht das Fünkchen eines Anknüpfungspunktes zu meinem virtuellen Gegenüber. Ich glaube, in Autorenkreisen wird dieses Phänomen „Schreibblockade“ genannt. Und dann gebe ich mir größte Mühe kreativ, witzig oder auch charmant zu sein. Es fühlt sich fast an wie der Versuch von Small Talk mit Wildfremden auf einer Party, nur dass ich nicht mal weiß, ob mein Gegenüber mich überhaupt wahrnimmt. Ganz schön frustrierend…

Ansprache mit Feingefühl kann über den Erfolg entscheiden.

Wie positiv eine Ansprache aufgenommen wird, hängt stark vom Feingefühl der Sourcer*innen ab (istockphoto.com/CoffeeAndMilk)

 

Genug gejammert. Wir bemühen uns also sehr um das Gehör der Fach- und Führungstalente auf den sozialen Plattformen dieser Welt und stellen uns dabei immer wieder auch selbst in Frage. Wir entwickeln uns weiter, probieren etwas Neues aus, haben Erfolg oder scheitern, ziehen daraus ein Fazit und professionalisieren unser Tun. So weit, so gut.

 

Wieso hört mich keiner?

Doch immer wieder kommt der Moment, in dem man die eigene Ansprache wirklich besonders gelungen findet, auf der Empfangenden-Seite aber kein Gehör geschenkt bekommt. Woran es liegt, ob eine Ansprache wahrgenommen, positiv bewertet oder als uninteressant abgetan wird, kann wohl niemand pauschal beantworten und hängt schon mal ganz individuell von der Person auf der anderen Seite, deren Stimmung und Einstellung zum Thema ab. Was können wir also tun? Wir können versuchen, so gut wie möglich auf unser Kandidatenprofil einzugehen und trotzdem die Grenzen zwischen „gut gemeint“ und „gut gemacht“ verstehen.

 

Vier Ansprache-Optionen

Wir verdeutlichen das an einem Beispiel:

Mir begegnet beim Sourcen das Profil von Jonas Müller. Außer seiner beruflichen Eignung zu meinem Projekt sowie seinen Wohnort weiß ich über ihn nichts. Also google ich und finde heraus, dass er beim JSG Nidderau in der Kreisliga A im Sturm Fußball spielt, beim letzten Heimspiel verloren hat, aber im vorherigen Freundschaftsspiel drei Tore erzielen konnte. „Steilvorlage“, denke ich mir und lege los. Im Wesentlichen stehen mir drei Alternativen der Ansprache zur Verfügung:

 

1. Standard:

„Betreff: Ihre neue Perspektive in der Projektleitung“ – „Sehr geehrter Herr Müller, bei der Suche nach… bin ich auf Ihr interessantes Profil gestoßen und möchte Ihnen heute ein spannendes Angebot unterbreiten: …“

 

2. Vollgas geben:

„Betreff: Immer nur Kreisliga?“ – „Hallo Jonas, das lief wohl nicht so letzten Sonntag auf dem Platz? An Ihnen kann es ja nicht gelegen haben, Sie hatten ja gerade den großen Erfolg mit dem Hattrick in Butzbach die Woche zuvor… Sind Sie beruflich auch ein Stürmer, oder stehen Sie eher in der Defensive? …“

 

3. mit Andeutungen / Fachjargon arbeiten:

„Betreff: Relegationsplatz“ – „Guten Tag Herr Müller, nach drei Jahren beim selben Arbeitgeber haben Sie sich vielleicht schon mal gefragt, auf welchem Tabellenplatz Sie intern wohl stehen? Sehen Sie Aufstiegschancen und Perspektiven in Ihrer aktuellen Beschäftigung? Mein Kunde spielt in einer etwas anderen Liga: hier können Sie mit der Kapitänsbinde am Arm die Projektleitung verantworten… Welche Benefits können einen Transfer für Sie interessant machen?“

 

Alle drei sind gangbare Wege. Ich bin allerdings sicher, dass jede*r Leser*in dieser drei Varianten bei mindestens einem Text die Augen gerollt hat. Die wirkliche „zu viel“ Variante wäre wohl (und die hier verwendeten Infos sind nicht übertrieben, man kann so einiges herausfinden, wenn man ein wenig tiefer recherchiert…):

 

4. „Betreff: wieder fit?“

„Hey Jonas, ich habe gerade versucht, mehr über dich rauszufinden. Da ist mir ein Zeitungsartikel aus Eurem Gemeindeblatt von 2017 über den Weg gelaufen. War ziemlich übel damals, die Knieverletzung nach dem misslungenen Torschuss, oder? Hast du die OP und Reha gut überstanden, oder bist du deswegen nicht mehr in der Startaufstellung beim JSG Nidderau? Glückwunsch übrigens zum Nachwuchs, auch an deine Freundin Jeannette. Ich finde Giovanni ist ein echt toller Name! Ist noch ein Geschwisterchen geplant? Wie sieht es denn beruflich bei dir aus? …“

Fühlt sich ein bisschen an wie der aktuelle iPhone-Privacy-Werbespot, oder?

 

Feingefühl entwickeln

Ihr seht, worauf ich hinaus will: Man kann im Netz viel über Personen herausfinden. Aber das Feingefühl, was davon in einer professionellen Kontaktanbahnung verwendet wird und was nicht, das sollten wir Sourcer*innen selbst besitzen.

Möglich, dass Jonas Müller sich gewundert und gefreut hätte über mein Engagement, ihn näher kennen zu lernen. Wahrscheinlicher ist aber, dass es ihm eiskalt den Rücken runterläuft, er sich gestalkt und in seiner Privatsphäre verletzt fühlt.

Ganz offen gesprochen: auch die Varianten 1-3 oder entsprechende Abwandlungen davon werden nicht immer zum Erfolg führen. Vielleicht hat Jonas Müller den Fußball für sich abgehakt, oder er findet die Klassiker-Ansprache ätzend langweilig, weil schon millionenfach erhalten. Möglicherweise ist er heute nicht in der richtigen Laune, um unsere Anfrage überhaupt zu beachten und befördert sie in den Papierkorb. An einem anderen Tag fände er sie originell oder informativ.

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